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  • AutorenbildRuedi Graf

Über den Verkauf von Menschen

"Es ist besser, Sexarbeit zu kontrollieren, als sie zu verbieten und sie geheim stattfinden zu lassen" W. Langer vom Referat für Prostitutionsangelegenheiten der Landespolizei Wien


Ich kann mich gut an die offene Drogenszene, dem Letten, einem stillgelegten Bahnhof in Zürich, erinnern. Ich war 1993 mal kurz dort, mit dem Ziel, eine Freundin, die ich in der Therapie kennengelernt hatte und die wieder rückfällig geworden war, zu suchen und ihr meine Hilfe anzubieten. Das Elend war unbeschreiblich und ich konnte kaum glauben, was sich da mitten in einer Finanzmetropole wie Zürich, abspielte.


Als diese Szene aufgelöst wurde, übrigens die grösste in ganz Europa, hörte man ähnliche Stimmen wie jene von Wolfgang Langer. Der Drogenhandel und Konsum wäre schwerer zu kontrollieren und es würde das Elend nur vergrössern. Und doch wurde diese offene Drogenszene, die auf viele Verzweifelte wie ein Magnet wirkte, aufgelöst. Sie wurde aufgelöst, weil man ihre vernichtenden Auswirkungen sah. Unzählige Menschen bezahlten ihre Flucht aus der Realität mit ihren Leben. Kinder erlebten die Hölle auf Erden, weil ihre Mütter oder ihr Väter nur noch für den nächsten Schuss lebten und sie völlig auf sich allein gestellt waren. Der Film "Platzspitzbaby" gibt einen erschreckenden Einblick in diese Zeit.


Wie du vielleicht weisst, beschäftige ich mich intensiver mit dem Thema Menschenhandel. Und weisst du, manchmal fühle ich mich wieder wie 1993, als ich die Drogenszene in Zürich und ihre verzweifelten Menschen sah. Ich lese so viele Geschichten von jungen Frauen, manche noch minderjährig, die aus Osteuropa und anderen Teilen der Welt, wie eine Ware in unsere reichen Länder geliefert werden, um aus ihren Körpern gnadenlos Kapital zu schlagen. Ich lese ihre Geschichten und sehe, genauso wie damals, zerstörte Menschen, zerstörte Familien. Kinder, die ohne ihre Mütter aufwachsen, weil diese in der Schweiz ihre Körper verkaufen müssen.

Aber weisst du, ihr Elend ist nicht so sichtbar wie jenes damals in Zürich. Die Fenster dieser Elendsszene ist mit roten Lämpchen und Herzchen dekoriert. Sie wird als ältestes Gewerbe der Welt bezeichnet und ist der Stolz einer "liberalen Gesellschaft". Bordellbesitzer kommen gerne in den öffentlichen Medien zu Wort und werden nicht müde zu beteuern, dass Freiwilligkeit in ihren Lokalen an erster Stelle stünde. Wenn dabei trotzdem mal die wahren Hintergründe ans Licht kommen, wie bspw. im Paradise in Stuttgart, findet kein öffentlicher Aufschrei statt.


Wie können wir als Gesellschaft diese Ausbeutung einfach so hinnehmen? Glauben wir tatsächlich, dass diese Arbeit eine Arbeit wie jede andere ist, die diese jungen Frauen unbeschadet überstehen? Glauben wir tatsächlich, dass eine junge Mutter, die, nachdem sie in Deutschland mit hunderten Männern schlafen musste, bei der Rückkehr in ihr Land, ihre Kinder in die Arme schliessen und ein halbwegs normales Leben führen kann? Glauben wir das wirklich?! Mir öffnet sich derselbe Blick wie 1993 und ich will mich dafür einsetzen, dass auch diese Szene geschlossen wird. Sie muss geschlossen werden, weil sie absolut menschenverachtend ist.


Diese jungen Frauen brauchen eine wirkliche Perspektive für ihr Leben und sie brauchen unseren Schutz. Schweden geht bereits seit vielen Jahren diesen Weg. Dort gilt ein Sexkaufverbot. Bestraft werden nicht Prostituierte, sondern Freier und Zuhälter und damit Menschen, die von der Not dieser Frauen profitieren. Zudem gibt es Ausstiegshilfen wie auch Aufklärungs- und Bildungsmaßnahmen in der Bevölkerung gegen Prostitution. Es wäre naiv zu glauben, dass es deswegen in Schweden keine Prostitution mehr gäbe, doch sie hat definitiv abgenommen und für Menschenhändler ist es sehr riskant, ihre "Ware" in einem solchen Land zu verkaufen. Schweden (inzwischen auch andere Länder wie z.B. Israel) hat sich gegen diese moderne Art der Sklaverei entschieden und es wird Zeit, dass auch bei uns der Verkauf von Menschen unter dem Deckmantel der Freiheit ein Ende hat.

Wie denkst du darüber? Deine Meinung würde mich interessieren.

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